Meine erste Begegnung mit der Musik von Bruce Springsteen hatte ich 1984 als „Born in the U.S.A.“ rauskam. Aber da war es ja auch schwierig, dem zu entkommen. Ich weiß auch noch, dass ich da im Sommerurlaub mit den Eltern – ich meine im STERN – einen großen Artikel über ihn gelesen zu haben.
Und ich weiß noch, dass mein Vater meine Begeisterung für den „Boss“ nicht teilte. Er fand Bruce schrecklich. Auch, weil er – wie so viele – den Text von „Born in the U.S.A.“ für ein ultra-patriotisches Amerika-Hochjubeln hielt. Aber ich glaube, Bruces Stimme war auch nicht so seins.
Den Namen Bruce Springsteen hatte ich aber schon vorher gehört, bzw. gelesen. Da seine Texte häufig von meinem damaligen (okay, ich mag ihn heute noch sehr) Lieblingsschriftsteller Stephen King zitiert wurden. Und irgendwie gehören die Beiden für mich zusammen. Sie haben mein Bild vom modernen Amerika geprägt. King mit seinen Kleinstadtgeschichten. Springsteen mit seinen Geschichten von Outsidern, Abgehängten, Kleinkriminellen, Verliebten und dem Drang nach Freiheit. Da ich nie in den USA war, bilden die Beiden die Wurzeln meines ganz eigenen, mythischen Amerika, in dem ich mich irgendwie Zuhause fühle. In Castle Rock, Derry, My Hometown oder am Ufer von The River.
Aber nicht „Born in the U.S.A.“ hat mich zum glühenden Springsteen-Verehrer gemacht, sondern „Born to Run“. Nach „Born in the U.S.A.“ kaufte ich mir später noch „Tunnel of Love“, welches mich damals (heute sieht das tatsächlich anders aus), nicht überzeugen konnte. Danach war dann „Springsteen-Pause“.


Doch im Frühjahr 1990 änderte sich das. Ausgerechnet mit einer Autofahrt von Bremen nach Rostock. Ein aufregendes Erlebnis, nicht nur, weil ich erstmals in der damals gerade noch so noch existierenden DDR war. Und das erste Mal in meinem Leben eine Dampflokomotive in Aktion sah. Oder weil uns ständig das Benzin auszugehen drohte – ohne eine Tankstelle irgendwie weit und breit. Nein, da spielte noch etwas anderes mit.
Ein damaliger Schulkamerad, der meine ich den Trip vorgeschlagen hatte, wollte neben seiner Freundin und mir noch ein befreundetes Pärchen mitnehmen. Nun war dort der männliche Teil verhindert (warum weiß ich nicht mehr). Jedenfalls begab es sich, dass ich es mir mit einer jungen Frau allein auf der Rückbank gemütlich machte. Und wir verstanden uns super.
Jetzt muss ich an der Stelle gestehen, dass ich zu dem Zeitpunkt zwar schon oft unglücklich verliebt war, aber sonst noch keine große Erfahrung mit dem anderen Geschlecht hatte. Und dieses nette, herzliche Miteinander war dann irgendwie auch neu für mich. Nicht, dass ich mich spontan bis über beide Ohren verknallt hätte, aber ich genoss ihre Gegenwart und dieses freundschaftliche, auf gegenseitiger Sympathie beruhende, wohlige Gefühl. Was ich so noch nie erlebt hatte.
Auf der Rückfahrt von Rostock machten wir Halt im Weserpark, einem großen Einkaufszentrum an der Peripherie von Bremen. Warum kann ich heute nicht mehr sagen. Eigentlich machte es keinen richtigen Sinn dort noch hinzufahren. Aber weshalb auch immer, wir taten das. Und da bin ich in den Media Markt – und habe mir „Born to Run“ gekauft.
Und darum ist die Platte für mich immer mit diesem Ausflug und dieses harmonische und sich einfach gut anfühlende, wenn auch nur kurze, Zusammensein mit dieser jungen Frau (deren Namen ich leider vergessen habe) verbunden. Die junge Frau habe ich danach, soweit ich mich erinnere, nie wieder getroffen. Das Aussehen habe ich auch nur noch ganz verschwommen vor Augen. Aber wie ich da neben ihr gesessen habe, und wir uns so wunderbar ungezwungen verstanden haben, das Gefühl spüre ich noch heute.



Somit hat die „Born to Run“ für mich eine besondere Bedeutung. Aber nicht nur das. Auch musikalisch bin ich nach wie vor begeistert. Auch wenn ich „Darkness on the Edge of Town“ für die beste Platte des „Boss“ halte, so ist mit „Born to Run“ mir bis heute die liebste.
Wie sehr mich die Platte beeindruckte (und wie oft ich sie hörte), sieht man an einer anderen Anekdote. Ich habe damals sogar einmal von „Born to Run“ geträumt. Tatsächlich habe ich im Traum das ganze Lied durchgehört. Alle Strophen. Und als ich aufwachte, war ich darüber extrem überrascht, da ich den Text im wachen Zustand gar nicht auswendig kannte. Im Traum funktionierte das aber super. Seltsam.
Springsteen bin ich bis heute sehr verbunden. Mal mehr, mal weniger – aber immer ist er irgendwie da. Ich habe mir sogar die „Tracks II – The Lost Albums“-Box gegönnt. Und ich dürfte da auch sonst ziemlich komplett sein. Die ersten Alben bis „Tunnel of Love“ habe ich alle auf Platte. Gab es damals ja auch nicht anders. Ab „Human Touch“ (welches ich für sein schwächstes Album halte) wurde dann alles auf CD gekauft.
Und die „Born to Run“ habe ich mir dann später auch noch zusätzlich auf CD gekauft, als die 40th-Anniversery-CD-Box rauskam. Doch, große Liebe hier für den Boss und vor allem „Born to Run“. Einmal eins seiner Konzerte zu besuchen hat sich leider nie ergeben – steht aber definitiv auf meiner „bucket list“.


